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Prozessgesteuerte Anwendungen: Welche Artefakte wirklich dazugehören

Die richtige Artefaktauswahl entscheidet über Stabilität und Erweiterbarkeit jeder prozessgesteuerten Anwendung.
stiehl volker
Prof. Dr. Volker Stiehl

Wer eine prozessgesteuerte Anwendung entwickelt, steht am Anfang immer vor derselben Frage: Welche Artefakte gehören tatsächlich dazu – und was liegt ausserhalb davon?

Die prozessgesteuerte Methodologie gibt darauf eine klare Antwort: Eine solche Anwendung umfasst eine definierte Menge fachlicher und technischer Artefakte, die konsequent von oben nach unten aus dem Prozess heraus abgeleitet werden. Nur wenn diese Artefakte vollständig identifiziert und beschrieben sind, entsteht eine stabile, erweiterbare und eigenständige Architektur.

Die fünf zentralen Artefaktkategorien sind:

Prozesse – Benutzeroberflächen – Daten – Services – Integrationen

stiehl volker

Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG

1. Prozesse: Die fachliche Basis der Anwendung

Den Ausgangspunkt bilden immer die Prozesse. Die prozessgesteuerte Methodologie ist hier unmissverständlich: Fachliche Anforderungen bestimmen Prozesse und deren Abläufe, aus denen sämtliche weiteren Artefakte direkt hervorgehen.

Dabei gilt:

  • Ein Prozess enthält ausschliesslich fachliche Ablauflogik, keine technischen Details.
  • Er beschreibt Akteure, Abläufe, Datenflüsse und Ereignisse.
  • Jede Prozessaktivität führt zu weiteren Artefakten wie Oberflächen, Services, Objekten oder Integrationen.
  • Der Prozess ist das führende Artefakt, aus dem alle anderen entstehen.

2. Benutzeroberflächen:

Aufgabenbezogen und prozessgetrieben

 

Im Top-Down-Modell werden Benutzeroberflächen nicht aus vorhandenen Systemen übertragen, sondern ausschliesslich aus der Prozesslogik heraus entwickelt.

Wesentliche Merkmale:

  • UI-Artefakte sind konsequent aufgabenbezogen.
  • Sie stellen genau diejenigen Daten bereit, die ein bestimmter Prozessschritt erfordert.
  • Sie müssen Prozesse starten, Daten bereitstellen und Zustände zurückmelden können.
  • Ein UI kennt keine Backend-Logik – es kennt lediglich die Datenstrukturen und Serviceaufrufe der Anwendung.

3. Daten:

Das kanonische Datenmodell als tragendes Fundament

 

Datenartefakte zählen zu den kritischsten Elementen einer Prozessanwendung, weil sie über die systemübergreifende Stabilität entscheiden.

Die prozessgesteuerte Methodologie hält ausdrücklich fest: Backend-Datenstrukturen dürfen nicht übernommen werden, da sie unerwünschte Abhängigkeiten schaffen.

Stattdessen kommt das kanonische Datenmodell der Anwendung zum Einsatz:

  • Es enthält nur jene Daten, die der Prozess tatsächlich benötigt.
  • Es definiert einheitliche Datentypen, unabhängig von Backend-Formaten.
  • Aufwendige Systemtransformationen entfallen.

Dieses Modell ist die Grundlage für UI-Felder, Prozessvariablen, Serviceverträge, Integrationen, Mappings und Geschäftsobjekte. Die Anwendung wird damit systemunabhängig und robust gegenüber Veränderungen.

4. Services: Fachliche Funktionalität klar gekapselt

Services sind keine technischen APIs, sondern fachliche Serviceverträge der Anwendung.

Strukturell gilt:

  • Eine prozessgesteuerte Anwendung verfügt über genau einen Servicevertrag.
  • Dieser Servicevertrag besteht aus einem oder mehreren Services.
  • Jeder Service umfasst mindestens eine Serviceoperation.

Es gibt zwei Typen:

Anwendungseigene Services:

  • Kapseln fachliche Logik der Anwendung.
  • Prozess und UI kommunizieren direkt mit ihnen.
  • Ihre Funktion richtet sich ausschliesslich nach den Anforderungen der Prozessanwendung.

Externe Services:

  • Ermöglichen die Wiederverwendung bestehender Fachlogik.
  • Werden über den Servicevertrag entkoppelt eingebunden.
  • Die konkrete Implementierung erfolgt erst auf Integrationsebene.

Services steuern sowohl die interne als auch die externe Kommunikation der Anwendung.

5. Integrationen:

Technische Umsetzung sauber separiert

 

Integrationen gehören weder in den Prozess noch in die Benutzeroberflächen. Sie werden auf der Implementierungsebene des Servicevertrags realisiert.

Das Konzept dahinter:

  • Sie verbinden fachliche Serviceverträge mit konkreten Backend-Systemen.
  • Sie enthalten Mappings, Konvertierungen und Transformationen.
  • Sie kapseln Systemabhängigkeiten vollständig.
  • Sie ermöglichen die Integration verschiedenster Systemlandschaften – ob Cloud, On-Premise oder hybride Umgebungen.

Dadurch wird sichergestellt, dass:

  • die Prozessanwendung stabil bleibt, auch wenn sich Backends verändern,
  • unterschiedliche Datenformate harmonisiert werden,
  • Systeme ausgetauscht werden können, ohne die Anwendung selbst anzupassen.

Integration wird so zum geschützten technischen Bereich, klar getrennt vom fachlichen Kern.

Fazit:

Klare Artefaktidentifikation als Grundlage stabiler Architektur

Wer Anwendungsartefakte konsequent von oben nach unten ableitet, profitiert von:

  • Klarer Architekturstruktur
  • Unabhängigkeit von Backend-Systemen
  • Flexibilität bei Anpassungen
  • Nachvollziehbarkeit für Entwickler und Fachbereiche
  • Wiederverwendbarkeit von Daten und Services
  • Sauberer Trennung zwischen Fachlichkeit und Technik

Die sorgfältige Identifikation der Artefakte bildet die Basis für nachhaltige, robuste und skalierbare prozessgesteuerte Anwendungen.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN:
Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“
von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG