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Warum prozessgesteuerte Anwendungen mehr sind als nur Integration oder Mashup

Mashups lösen UI-Probleme. Integrationslösungen lösen technische Probleme. Aber wer löst den fachlichen Prozess?
stiehl volker
Prof. Dr. Volker Stiehl

1. Mashups – der Fokus liegt auf der Benutzeroberfläche

Mashups sind schlanke UI-Applikationen, die Inhalte aus verschiedenen Quellen visuell in einer einzigen Oberfläche bündeln. Charakteristisch dafür sind folgende Merkmale:

  • Bestehende UI-Komponenten werden wiederverwendet
  • Die Integration findet auf der Darstellungsebene statt, nicht auf der Logik- oder Prozessebene
  • Daten werden direkt aus den Quellsystemen bezogen, ohne zusätzliche Fachlogik
  • Jeder Teilbereich ist einem konkreten System zugeordnet

Mashups zeigen Daten direkt aus den jeweiligen Systemen an und kombinieren diese rein visuell.

stiehl volker

Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG

Stärken von Mashups:

  • Schnelle Zusammenführung von UI-Elementen
  • Rollenspezifische Sichten auf Daten
  • Reine Informationsaggregation

Wo Mashups an ihre Grenzen stossen:

  • Komplexe Geschäftsabläufe
  • Fachliche Regelwerke und Logik
  • Durchgängige End-to-End-Prozesse

Das Fazit ist eindeutig: Mashups adressieren ein Darstellungsproblem, kein Prozessproblem.

2. Integrationslösungen – technische Verbindung im Mittelpunkt

Integrationslösungen, klassisch bekannt als EAI (Enterprise Application Integration), verfolgen ein grundlegend anderes Ziel. Sie ermöglichen die technische Vernetzung von Systemen und Partnern und decken Themen wie Datentransport, Nachrichtenrouting sowie synchrone und asynchrone Kommunikation ab.

Im Vordergrund steht dabei die technische Ebene. Der fachliche Prozess ist nicht der Fokus, sondern das strukturierte Zusammenspiel von Applikationen.

Typische Aufgaben:

  • Transformation von Nachrichtenformaten
  • Transport von Daten zwischen Systemen
  • Technische Prozessoptimierung
  • Anbindung externer Partner

Geeignet für:

  • B2B-Integrationen
  • Systemschnittstellen
  • Nachrichtenbasierte Kommunikation

Integrationslösungen bilden weder Endanwenderapplikationen ab noch steuern sie fachliche Workflows.

3. Prozessgesteuerte Anwendungen als eigenständiger Anwendungstyp

Prozessgesteuerte Anwendungen gehen konzeptionell weit über die beiden vorangegangenen Typen hinaus. Sie modellieren neue, fachliche Abläufe, die:

  • systemübergreifend laufen,
  • einen echten Wettbewerbsvorteil schaffen,
  • dynamisch, kollaborativ und durchgängig sind.

Die Anwendung orchestriert bestehende Dienste zu neuen Abläufen und bringt dabei eigene Prozesslogik, Benutzeroberflächen und Geschäftsobjekte mit.

Abgrenzung zu Mashups: Anstatt UI-Fragmente bestehender Systeme einzubetten, definieren prozessgesteuerte Anwendungen aufgabenorientierte, eigene Oberflächen.

Abgrenzung zu Integrationslösungen: Anstatt technischen Datenaustausch zu automatisieren, orchestrieren sie fachliche Geschäftsprozesse.

Geeignet für:

  • Unternehmensspezifische und differenzierende Prozesse
  • Prozesslücken, die Standardsoftware nicht schliessen kann
  • Szenarien mit hohem Koordinationsbedarf
  • Systemübergreifende End-to-End-Abläufe

Prozessgesteuerte Anwendungen sind somit eigenständige Fachapplikationen, keine reinen Integrationsartefakte und keine UI-Mashups.

4. Die drei Anwendungstypen im direkten Vergleich

  • Visuelle Zusammenführung

    Mashup

    • Zweck: Darstellung bündlen
    • Ebene: Oberfläche
    • Einsatz: Informationsaggregation

    Schnelle UI-Kombination. Rollenbasierte Sichten. Kein fachlicher Prozess.

  • Technische Vernetzung

    Integrationslösung

    • Zweck: Systeme verbinden
    • Ebene: Systemintegration
    • Einsatz: Datentransfer, Routing, B2B
    Nachrichtenbasierte Kommunikation. Kein Endanwender-Workflow.
  • Neue Fachprozesse

    Prozessgesteuerte Anwendung

    • Zweck: Geschäftsprozesse orchestrieren
    • Ebene: Prozess + UI + Dienste
    • Einsatz: End-to-End-Prozesse
    Systemübergreifend. Unabhängig von Backendsystemen. Schliesst Prozesslücken.
  • Der entscheidende Unterschied: Prozessgesteuerte Anwendungen definieren ihre eigenen Serviceverträge und sind unabhängig von den dahinterliegenden Backendsystemen.

  • Mashups und Integrationslösungen hingegen bauen direkt auf vorhandenen Schnittstellen auf.

Fazit: Fachliche Prozessprobleme brauchen den richtigen Anwendungstyp

Mashups lösen Darstellungsprobleme. Integrationslösungen lösen technische Probleme. Prozessgesteuerte Anwendungen lösen fachliche Prozessprobleme und genau diese sind der Schlüssel zu nachhaltiger Differenzierung und Wettbewerbsfähigkeit.

Dank ihrer klaren Trennung von Prozesslogik, Oberflächen und Diensten sowie ihrer Unabhängigkeit von Backendsystemen sind sie ein zentrales Element moderner und agiler IT-Architekturen.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN:
Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“
von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG