Bottem-Up vs. Top-Down

Bottom-Up vs. Top-Down: Welcher Ansatz führt wirklich zu flexiblen Anwendungen?

Backend-Services gibt es. Schnittstellen gibt es. Aber wer definiert den fachlichen Prozess?
stiehl volker
Prof. Dr. Volker Stiehl

Warum der Bottom-Up-Ansatz in die Abhängigkeit führt

Beim Bottom-Up-Vorgehen werden bestehende Backend-Services einfach zusammengeführt und zu Prozessen verbunden. Das Kernproblem dabei:

  • Die Anwendung erbt automatisch Einschränkungen, Datenstrukturen und Logiken aus den vorhandenen Systemen.
  • Fachliche Anforderungen werden in den Rahmen der bestehenden IT-Landschaft gezwängt – und nicht umgekehrt.
  • Die daraus entstehende Anwendung ist schwer wartbar und stark abhängig von Fremdsystemen.

stiehl volker

Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG

Die Praxis zeigt deutlich, dass zahlreiche Projekte genau daran scheitern, weil zu viele Backend-Services direkt aus der Endanwendung heraus aufgerufen werden.

Typische Konsequenzen:

  • Services passen nicht zum fachlichen Prozess
  • Datenstrukturen sind zu technisch ausgerichtet
  • Schnittstellen werden unnötig komplex
  • Änderungen im Backend erzwingen Anpassungen in der neuen Anwendung
  • Echte lose Kopplung bleibt unerreichbar

Das Resultat: Alte Silos in neuer Verkleidung.

Warum der Top-Down-Ansatz der einzig richtige Weg ist

Der Top-Down-Ansatz startet immer beim fachlichen Prozess – ungeachtet der vorhandenen Systemlandschaft. Erst die fachliche Zerlegung bestimmt, welche Services, Daten und Schnittstellen tatsächlich gebraucht werden.

Ein zentraler Leitsatz aus der Praxis lautet:

„Stell dir bei jeder Entscheidung vor, du wüsstest nicht, gegen welche Systemlandschaft deine Lösung einmal laufen wird.”

 

Der Vorteil ist klar: Die neue Anwendung bleibt vollständig unabhängig von Systemlogiken, Datenformaten und technischen Vorentscheidungen.

Top-Down bedeutet konkret:

  • Prozesse legen zuerst die fachlichen Anforderungen fest
  • Daraus werden Serviceverträge abgeleitet
  • Erst im nächsten Schritt wird über die technische Umsetzung gesprochen
  • Backend-Services kommen nur dort zum Einsatz, wo sie fachlich sinnvoll sind
  • Die Integration erfolgt über klare, abstrahierte Schnittstellen

So entsteht eine saubere fachliche Aussensicht, die nicht durch bestehende APIs verzerrt wird.

Der häufigste Denkfehler: Bestehende Services als unveränderlich betrachten

Viele Teams sind überzeugt: „Wir müssen die vorhandenen Services direkt nutzen. Eine Alternative gibt es nicht.”

Die prozessgesteuerte Methodologie widerlegt diese Annahme klar. Häufig wird behauptet, man müsse bestehende Datenstrukturen oder Serviceoperationen übernehmen – doch in Wirklichkeit fehlt lediglich die methodische Grundlage, einen eigenständigen fachlichen Servicevertrag zu definieren.

Die Warnung ist eindeutig:

„Das grösste Problem liegt darin, dass zu viele der von den Backends bereitgestellten Services direkt aus der Endanwendung heraus aufgerufen werden.”

 

Die Folgen davon sind:

  • Technische statt fachliche Ausrichtung
  • Vermischung von Backend-Details und Prozesslogik
  • Hohe Kopplung zwischen den Schichten
  • Schlechte Wartbarkeit über die Zeit

Kurz gesagt: Wer das Backend als Ausgangspunkt wählt, verliert die Kontrolle über die Architektur.

Der entscheidende Hebel: Fachliche Serviceverträge statt Backend-APIs

Eine prozessgesteuerte Anwendung definiert ihre eigenen fachlichen Schnittstellen – unabhängig von den dahinterliegenden Backend-Systemen. Diese Serviceverträge bilden genau das ab, was der Prozess benötigt – nicht das, was das Backend zufällig anbietet.

Gemäss der prozessgesteuerten Methodologie gilt:

  • Serviceverträge sind fachlich motiviert
  • Sie spiegeln den Prozess wider, nicht das Backend
  • Backend-Daten werden über Mappings in eigenen Integrationsprozessen entkoppelt
  • Loser gekoppelte Architekturen werden dadurch erst realisierbar

Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einer flexiblen, prozessgesteuerten Anwendung und einer starren, zusammengestückten SOA-Lösung.

Fazit: Top-Down ist nicht nur besser – es ist unverzichtbar

Top-Down liefert:

  • Fachliche Klarheit
  • Unabhängigkeit vom Backend
  • Lose Kopplung
  • Schnellere Anpassbarkeit
  • Nachhaltigere Architektur
  • Weniger technische Schulden

Bottom-Up hingegen führt fast immer zu einer Architektur, die sich an bestehenden Systemen orientiert – statt an den realen Geschäftsanforderungen.

Für moderne prozessgesteuerte Anwendungen ist daher unmissverständlich: Top-Down ist keine Option unter vielen – es ist das Fundament.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN:
Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“
von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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Prof. Dr. Volker Stiehl

Aufsichtsrat, Procubator AG